Tino ist zwei Jahre alt, als den Eltern im Arztzimmer fast beiläufig gesagt wird: Bei nicht sofort erfolgter Behandlung, degenerativ, folgende irreparable Gehirnschäden.

Nicht die Mütterberatung: „Das wächst sich raus, Spätentwickler“, und nicht der Nervenarzt: „Ich kann nichts finden“, haben Recht behalten. Tino ist kein Spätentwickler, er leidet an Phenylketonurie.

Seine Mutter gibt ihren Beruf als Regieassistentin am Theater auf, um ganz für Tino da sein zu können. Ihr Mann fühlt sich nicht gesehen, will eine normale Ehe, ist empathielos und verzweifelt. Er fällt durch die Prüfung seines Fernstudiums. Aus Verzweiflung schlägt er das Kind. Er droht es ins Heim zu stecken.

Traute kämpft. Tägliche krankengymnastische Übungen, die Nahrungsumstellung, das Betteln bei der Westverwandschaft um frisches Obst, tägliche Fördereinheiten. Tino lernt dank ihr laufen und Mama sagen. Immer wiederkehrende Klinikaufenthalte, viele Nächte ohne Schlaf: Tino schreit und randaliert in seinem Gitterbett, Isolation. Was soll aus ihrem Kind werden, wenn sie einmal nicht für es da sein kann?

Noch ist Tino klein. Immer ist die Verzweiflung da, die Hoffnung und das Anpacken. Sie beginnt unentgeltlich in einem christlichen Kinderheim für schwerstbehinderte Kinder zu arbeiten. Ihren Sohn darf sie mitnehmen. Sie sind zu zweit für 18 Kinder. Wecken 6.00 Uhr, im Akkord waschen und anziehen, 7.00 Uhr Frühstück. Putzen, desinfizieren, einkaufen, 11.00 Mittagessen, 12.00 Uhr Mittagsschlaf, die Kinder werden teilweise fixiert.

Die Schwestern lieben ihre Arbeit, es erfüllt sie, trotz 380 Mark im Monat, keinen Prämien und einer Arbeitsbelastung wie im Stahlwerk.

Der autobiografische Roman Roswitha Gepperts erschien 1978 in der DDR.

Der Roman hat mich sehr berührt in seiner Ehrlich-und Schonungslosigkeit. Zudem weckte er Erinnerungen an meine frühen Arbeitserfahrungen in der DDR (1988). (Rehazentrum Halle-Neustadt und Katharinenhof in Großhennersdorf.) Die Diskrepanz zwischen der Liebe zu den Kindern und den unzureichenden Umständen in allen Bereichen. Räumliche, personelle, zeitliche, unzumutbare Zustände in der DDR auch Ende der Achtziger Jahre noch.

Es ist ein Buch über das Leben mit einem schwerstbehinderten Kind, das aus Elternsicht geschrieben, den Kampf an allen Fronten zeigt, zu einer Zeit als die Bedingungen hoffnungslos waren.

Trotz allem ist es ein Hoffnung machendes Buch. Zutiefst menschlich, kämpferisch und voller Liebe.

Zur Autorin: Roswitha Geppert wurde 1943 in Leipzig geboren und studierte Theaterwissenschaften. Sie arbeitete als Regieassistentin und später als freie Autorin, Redakteurin und Pressereferentin.

Ihr autobiografischer Roman“Die Last die du nicht trägst“, erschien 1978 im Mitteldeutschen Verlag Halle

Roswitha Geppert starb 2018.

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17 Antworten zu „„Die Last, die du nicht trägst“ von Roswitha Geppert-vom Leben mit einem Kind mit einer schweren geistigen Behinderung“

  1. Avatar von Rachel

    Ich wohne ganz in der Nähe des Heimes, wo der Sohn der Autorin war. Eine Schwester von dort wurde sogar mit richtigem Namen genannt im Buch, um diese herzliche Verbundenheit auszudrücken.
    Alles Liebe, Edith

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    1. Avatar von Xeniana

      Oh das ist spannend. Kannst du mir sagen wo das gewesen ist?

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      1. Avatar von Rachel

        Ein Dorf, idyllisch gelegen – Sitzenroda.

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      2. Avatar von Rachel

        gern doch 🙂

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  2. Avatar von Manfred Voita

    Um jedes bisschen Hoffnung und Menschlichkeit muss so schwer gerungen werden, während es Dummheit und Ignoranz offenbar immer im Sonderangebot gibt.

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  3. Avatar von ErzieherIn

    Dieses Buch hatte mich damals stark beeindruckt. Wurde diese Krankheit in der DDR nicht seit 1967 mittels Test über die Verse standartmäßig diagnostiziert? Wenn mich nicht alles täuscht steht das Buch auch noch in meinem Bücherregal.

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    1. Avatar von Xeniana

      Ja. Entweder ist da etwas schief gegangen oder es ear noch nicht flãchendeckend.Sie schrieb ja von einem Nervenarzt bei dem etwas mit den Proben schief gegangen war.

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  4. Avatar von Bücherjunge_DD

    Das sind so Erinnerungen an Bücher… ich las den Titel, hab bestimmt 30 Jahre nicht daran gedacht und wusste trotzdem, um was es ging. Eine berührende und nachdenklich machende Geschichte.

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  5. Avatar von gkazakou

    Weiß irgend jemand, was aus dem Kind wurde? Die Autorin starb ja wohl 30 Jahre nach Verlegung des Buches, des Kind aber?? Das ist ja die Hauptsorge all dieser Eltern, die ihr behindertes Kind lieben: was wird aus ihm, wenn ich nicht mehr bin?

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    1. Avatar von Xeniana

      Das Kind wurde mit 10 Jahren in eben dieses Heim gegeben in dem die Mutter vorübergehend arbeitete.

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      1. Avatar von Xeniana

        Ich glaube es ist dort alt geworden. Die Mutter ist freie Autorin geworden. Aber es kann sein, dass es einen Folgeband gibt ich schau mal

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      2. Avatar von Xeniana

        Danke für das Nachfragen. Es gibt einen Folgeband

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      3. Avatar von Xeniana

        Tino starb mit 20 Jahren

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  6. Avatar von uschirmfilmkritik

    Den Menschen, die sich um das traurige Schicksal dieser Kinder kümmern, kann man nicht genug danken

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