Ingeborg Bachmann schreibt ( erste Seiten) gegen das Beziehungsende mit Max Frisch an, gegen das Gefühl in “ Mein Name sei Gantenbein“ ausgestellt worden zu sein. – vielleicht. Interpretationshilfe finde ich nicht.
Gantenbein ist mein liebstes Frisch- Buch.
Mich fasziniert das Spiel mit der Biografie, das Verschwinden, das Auftauchen irgendwo- als ein anderer. Sich selbst neu entwerfen, entweder wie bei Gantenbein und Stiller in vollständiger Neukonzeption oder in der Wiederholung der äußeren Doppelung mit innerlich veränderten Koordinaten.
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Mit dem Fahrrad durch die Winterfrische.
An einem Zollhäuschen treffe ich Jara mit Plum. Sie schenkt mir perfekt spiralenförmige Kekse als Wegzehrung.
Die Stadt in sonntäglich adventlicher Stimmung.
Weihnachtsbäume verschwinden in Kofferräumen. Ich denke darüber nach, einen mit dreißig roten und drei weißen Rosen zu behängen. Alpha und Omega hinzuzufügen und Bienenwachskerzen, die auch.
Ja. Splitter und Balken glaube ich. Das man beim anderen etwas sieht, als Mangel erlebt – was auch eigenes Thema ist. Vielleicht nicht 1:1, aber irgendwie auch. Vielleicht spiegelbildlich.
Also Fassaden, die man unbewusst aufrecht erhält, die aber nicht mehr ihre Funktion erfüllen.
Im Traum sanken Fassaden leise in sich zusammen, als wären sie zu müde sich weiter zu halten.
Ich erwachte spät. Es war schon Zehn. Der Signalton eines Krankenwagens zerschnitt den Morgen, vielleicht, dachte ich, sammelte er die Reste der bröckelnden Fassaden aus der Nacht ein.
Der erste Blick in den Spiegel zeigte wirres Haar, das vom Haupt abstand, einem alten Besen gleich.
Und ein erster Gedanke an diesem Morgen, der so unwirklich zwischen Träumen und Wachen hing, war interessant.
Während der Sirenenton des Krankenwagens verklang, und die Welt um mich herum begann ihre gewohnte Gestalt anzunehmen,
flüsterte mir der Gedanke zu, dass alte Gewohnheiten manchmal wie alte Besen sind, die eben nicht mehr gut kehren.
Ich weiß nicht, warum ich in den letzten Tagen so oft an den Eklat der Buchpreisverleihung 2024 denke.
Vielleicht, weil ich Die Projektoren zum dritten Mal lese und jedes Mal ein anderes Buch in den Händen halte. ( Der Satz stammt sinngemäß von der (Mützenfalterin)
Proust sagt, der Leser sei immer auch Leser seiner selbst. Dasselbe Buch könne ein Jahr später, für den Leser ein völlig anderes sein.
Als ich das Buch das erste Mal las- fiebernd, in Corona -Nächten und im Leserausch, traf es mich wie ein Weckruf.
Eine Initialzündung.
Es erstaunte mich- was dieses Buch wagte.
“ Neuerdings“, hatte ich zu Lara gesagt, “ verliebe ich mich in Bücher“ und spöttisch hinzugesetzt: “ Eine sichere Angelegenheit.“
Doch schon beim Lesen begriff ich: Sicher war hier gar nichts. Außer diesem krassen Können.
Das Buch veränderte mich. Es faszinierte mch in der Art wie es wagte und gleichsam nicht anders zu können schien.
Clemens Meyer schien fūr dieses Buch seine Existenz in die Waagschale geworfen zu haben.
Ein Autor, der sich den Wirren der Jugoslawienkriege radikal stellte und den Blick hielt. Mit seiner erzählerischen Intensität umkreiste er die Erschütterungen der Kriege des 20. Jahrhunderts. Ohne Schutzschild und dadurch so nahbar.
Kein Ausweichen am Rand des Abgrunds. Verbunden mit dieser virtuosen Fähigkeit des Schreibens
Die Jury des Deutschen Buchpreises 2024 prämierte das, was sie für richtig hielt.
Manchmal frage ich mich, was gewesen wäre,
wenn mehr Markt, mehr Stromlinienförmigkeit, mehr Zähmung gewesen wäre.
Vielleicht wäre es das Buch des Jahres geworden, ob es die Glut behalten hätte, ist fraglich.
Denn es stellt die brennenden Fragen. Wo beginnt die Vergiftung? Was führt zum Nationalismus, zum Krieg? Was macht den Menschen verführbar- und warum?
Kein bequemes Buch. Aber eines, dem ich wünsche, dass bleiben wird.
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Ich starte auf verbrannter Erde.
Der Bundestag hat vor einigen Minuten das Gesetz zur Modernisierung der Wehrpflicht verabschiedet.
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Lex zündet ein Streichholz an.
“ dunklere Berge, menschenleer, Wälder an den Hängen bis in die Täler hinein, feuchter Nebel, den ein Wolf trinkt, einatmet, ausatmet, weiß schimmernde Tropfen hängen an seinen Lefzen, die Wölfe kehren zurück in die alten Wälder, die Berge, überqueren die Grenze, die unsichtbar ist, nur hin und wieder Reste von Zäunen zwischen den Bäumen, Tränen weiß schimmernde, die Grenze, die abgetragen wurde, ein anderes Jahrhundert…“
Es ist die h- Moll -Messe die du über den Morgen legst, um das ungeordnete in einen klaren Klang zu betten.
Die Musik legt sich über die Käuzchenrufe der Nacht. Sie erinnerten dich an die Aprilnacht, als die Rufe nicht verklingen wollten und du am Morgen trotz Übernächtigung in die Plattenbaustadt fuhrst.
Die Plattenbaustadt ist die Doppelung. Sie ist dein zweiter Körper.
Es gibt Kreise, die schließen sich spät.
Du weißt nicht, warum es genau dieser Morgen war, ein klarer, sonniger November Tag als das Bild sich plötzlich im Ganzen zeigte.
Langer Spaziergang am Fluss. Herbstliche Sonne. Kaffee mit Jara. Plisch und Plum jagen durch rascheln des Laub.
Geruch vom geschlagenen Holz der Kiefern und Feuer.