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Der Zenit ist überschritten. Ich richte mich in Provisorien ein. Leidenschaftlich lesend, reisend, lebend.
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  • Die Gebäude der Erinnerung – Kathedralen und Kirchen – Proust lesen die wiedergefundene Zeit

    Juli 14, 2025

    Inspiriert von der mützenfalterin, beginne ich mich für die Architektur der Erinnerung zu interessieren.

    Lesetagebuch Kate Zambreno – Mutter (Ein Gemurmel)

    Auf der Suche nach Sekundärliteratur  zur „Recherche“, finde ich im Mekka der Bibliotheken ( Bücherhallen Hamburg)  ein Buch, das mich sofort in seinen Bann zieht.

    Ich lese über Chartres, über Kirchen und Kathedralen.

    “ Das Errichten eines Gebäudes und das Zusammenheften der Teile eines Kleides …Proust hat seine Kathedrale mit der gleichen Opferbereitschaft, Gewissenhaftigkeit und Liebe erbaut wie die Gläubigen des Mittelalters die ihren, und er hat, wie der letzte Satz der “ Wiedergefunden Zeit “ uns lehrt, seine Figuren in die gleiche Dimension der Ewigkeit gestellt.‘

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  • Leeraumwohnung- Proust lesen- Die wiedergefundene Zeit- 4-

    Juli 13, 2025

    „Die alten Griechen“, zitiert die Mützenfalterin in ihrem Blog, „dachten sich die Erinnerung als großes Haus.“

    Ich sehe mich in einem Hochhaus in der Plattenbaustadt vor verschiedenen Räumen stehen, mit Schlüsseln, die nicht passen und Klingeln, die nicht funktionieren. Es riecht nach Bohnerwachs und altem  Zigarettenrauch, nach schwarzen Tee und Zitrone.

    Ich gehe durch Türen, die leicht wie Pappe sind. Aber die Räume sind leer. Gelöschte Zeit. 

    Proust: Marcel versucht  in seiner Erinnerung Albertine zu erkennen. „Hat sie Frauen geliebt“, fragt er Gilberte auf einem Spaziergang in Tansonville.  Gilberte verneint. Marcel glaubt ihr nicht, in seiner Erinnerung deutete  Gilberte vor Jahren das Gegenteil an.

    Seine quälende Eifersucht hält Marcel besetzt, gefangen.

    Erinnerungen, die sich ebenso wenig besitzen lassen,  wie sich Albertine damals besitzen ließ. Sie entzieht sich dem Galatea Dasein noch im Tod.

    Ich schaue aus dem Fenster. Das Laub der Silberpappel blinkt im Sonnenlicht.  In Halle Neustadt wuchsen Pappeln überall – damals Licht, heute Staub. Ich denke an meinen Vater, der sich weder in Archiven, noch zwischen Akten deckeln und auch nicht in  Gesprächs fragmenten finden ließ. Die Suche nach einem verlorenen Raum. Die Leere ermöglicht weder Erinnern, noch Vergessen. Man muss den Schlüssel finden, losgehen- schreibt Terezia Mora in einem ihrer Bücher über das Schreiben. Sie nutzt die Sprache selbst als Kompass. Welche Narrative haben dich geprägt? Wie wurde gesprochen? Was wurde verschwiegen?

    Wie kommt man der Komplexität der Erinnerung nahe? Wie löst man sie aus dem Schweigen?

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  • Richtigstellung – Nachtrag zum Lesetagebuch; “ Die Projektoren“ von Clemens Meyer

    Juli 12, 2025

    Nein, ich bin nie auf einem Kongress gewesen, auf dem ein Mann- bekannt als Fragmentarist- diskutiert wurde.

    Es war nie real. Kein veralteter Polylux  mit dem Schrift an Wände des Instituts projiziert wurde, keine Sicherheitsglasscheiben, keine Mikrofone, niemand ergriff das Wort auch ich nicht. Ich ergreife es jetzt.

    Was für mich selbstverständlich war, Berichte aus der gelesenen Innenperspektive eines Romans zu schreiben, irritierte die Außenwelt- in der Realität. Als würde ich etwas behaupten, was nie stattgefunden hat.

    ( ich war mal auf einem Kongress als Gast , da ging es um frühkindliche Pädagogik in der ehemaligen DDR. Dieser Kongress war in der Kunsthalle Rostock. – Realität)

    Es hat auch John nie gegeben, nicht in der Art wie er im Blog auftaucht, nicht in dieser Form der Personifikation. John ist die Personifizierung um toxische Einlassungen sichtbar zu machen.  Es hat Geppetto nie gegeben, er steht vielleicht für das Erschaffen von etwas, was plötzlich von außen eine lange Nase angeklebt bekommt. Auch die Schatten in der Nervenheilanstalt des Dr. Güntz sind allein im Roman zu finden. Die Schatten der Toten aus all den Kriegen, aus Novi Sad und Srebrenica..

    Vielleicht sollte ich diese Durchlässigkeiten – digitale Nachrichten aus dem Inneren eines Romans- markieren, um nicht zu verstören.

    Oder mir angewöhnen nur von außen zu beschreiben.

    Im Grunde aber ist es so: ich habe zu viel Spaß daran,  kryptische Szenen aus fiktiven Landschaften ( Romanlandschaften)  in die Außenwelt zu morsen.

    Bei der Lektüre von Proust schaue ich von außen durchs Fenster.

    Versprochen:)

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  • Gezähmte Gegenwart, bewahrte Erinnerung – Proust lesen- „Die wiedergefunden Zeit“ -3-

    Juli 11, 2025

    Wie ein Seeschwalbenkind drückt sich der kleine Marcel in Combray gegen Decken und Kissen. Er baut sich das Nest im Dunkel seines Zimmers, während der Kaminschein die Nacht erhellt, wartet er auf die Mutter die den Gutenachtkuss vergaß.

    „( wie die Seeschwalbe, die ihr Nest tief in einem Gang in der Wärme der Erde hat“)*

    Etwas Intuitives, zutiefst mit der Natur Verbundes, geht von dieser Szene aus.

    Im Band sieben ist es nicht mehr der kleine Junge in Combray, der im dunklen Zimmer wach liegt. Es ist Marcel, ein Mann um die  dreißig vielleicht, der in einem Gästezimmer im Hause Gilbertes auf Vögel und Rosentapeten sieht. So lebendig erscheinen ihm die Motive, dass er die Rosen pflücken und die Vögel in einen Käfig sperren möchte, um sie zu zähmen. Vielleicht, denke ich, ist es ein Ausdruck von Gezeichnet sein, Geworden sein. Vielleicht ist es auch der ins Bild gebrachte Wunsch, Erinnerungen bewahren zu können.

    Noch hat Marcel nicht begonnen zu schreiben.

    Während ich bei geöffneter Balkontür, Kaffee trinke, Proust lese und blogge, ziehen Mauersegler in sich überlagernden Kreisen ihre Bahn. Wie unwillkürlich auf – und abtauchende Erinnerungen und Gedanken.

    Sie lassen sich tragen vom stetigen Wechsel. Bis zu zehn Stunden können sie ununterbrochen in der Luft sein. Sammeln im Wind aerodynamisch passendes Nestbaumaterial, fressen und lieben im Flug.

    Vielleicht ist es das freie Schweben, das sie in beständig hohen Zirpen das Leben feiern lässt.

    Ich lasse die Vögel von der Tapete ins Freie fliegen, erfinde den Rosen Wurzeln, pflanze sie neben Lavendel und Thymian im Garten vorm Haus in Tansonville  – bevor sie gepflückt werden können.

    Möge Marcel mir verzeihen.

    *Zitat aus : „Unterwegs zu Swann“ /S.13

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  • Proust lesen- „die wiedergefundene Zeit“ – 2-

    Juli 10, 2025

    —————-

    Marcel ist in Tansonville eingeladen. Eingeladen von Gilberte, die gerade Robert Saint Loup geheiratet hat. Robert der  Männer liebt und das verbergen muss, reißt Türen zwielichtiger  Etablissements mit Windstoßallüren auf, um schnell hinein und hinaus zu gelangen. Challenge: Die Fähigkeit unsichtbar zu bleiben. Marcel soll die allein gelassene  Gilberte unterhalten.

    Robert maskiert sein Lieben. Gilberte verbirgt ihre Enttäuschung, Marcel schweigt, während er hinter die Oberfläche sieht.

    Ich lese zu schnell. Mir entgeht schon der Beginn. Wie Robert, reiße ich die Türen der Recherche auf, jage hindurch und sehe nicht.

    Durch jede Tür achtsam gehen, sagt die Zenbuddhistin Kankyo Tannier, während ich in einer Lesepause abwasche und Podcasts höre.

    Eine zweite Leseeinheit am Nachmittag frustriert mich dermaßen, dass ich beschließe in eine andere Geschichte zu flüchten.

    Die Heinrich Böll Stiftung lud  zu einem Film von Schlöndorff im Studiokino ein: Die verlorene Ehre der Katharina Blum.

    Es würde den Rahmen sprengen über die Authentizität einer Katharina Blum hier auch noch zu erzählen.

    Davon wie Menschen durch reißerische Berichterstattung, Lügen, Verdächtigungen und Unterstellungen  zerrieben werden. In der Nacht nehme ich das Buch noch einmal zur Hand. Es bleibt verschlossen. 

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  • Schlafen und Wachen- Proust lesen – “ Die wiedergefundene Zeit“

    Juli 9, 2025

    Ich schlafe zu spät ein und erwache zu früh, als hätte der zu enge Korridor im Schultergelenk sich auch der Nacht bemächtigt.

    Es ist vier Uhr und ein erster fahler Strahl Morgenlicht lässt sich vermuten. 

    Ich versuche in der Recherche zu lesen, aber mein Gehirn verweigert die Konzentration. Das Bewusstsein streift über die verschachtelten Sätze ohne sie zu erfassen.

    Irgendwann schlafe ich wieder ein und erwache erneut am späten Vormittag.

    Proust schreibt vom Diener zweier Herren, des Schlafes und des Wachens.

    In den letzten Wochen erinnere ich keine Träume. Manchmal verwundert mich, dass ich die Schwelle in das Unbewusste des Schlafes mit Vertrauen übertrete, obwohl sich diese Zeit meiner Kontrolle entzieht.

    Am Ufer des Styx.

    Es  ist fast Mittag. Die Recherche bin ich noch einmal entlang gegangen. Ich habe diesen 7. Band schon mehrmals versucht. Dieses Mal möchte ich, dass es gelingt.

    Bevor ich aufstehe, prüfe ich kurz die Weltlage.

    Ich weiß nicht, wie ich  einen Umgang finden kann mit einer Welt die am Abgrund taumelt, sich aller Werte von Menschlichkeit und Moral entledigt.

    Draußen am Wegrand haben die Grillen mit ihrem Zirpen begonnen. Der Holunder trägt erste schwarze Beeren. Wind schiebt bleierne Wolken vor sich her.

    Und sonst?: ich beginne alle von mir bisher männlich gelesenen Akteure: John, der Wind, Geppetto- weiblich zu denken. Das verändert die gesamte Szenerie.

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  • Türen – Proust lesen- Band 7- die wiedergefundene Zeit

    Juli 8, 2025

    An diesem Morgen bin ich zum letzten Band der Recherche zurückgekehrt.

    Innehalten im Innehalten, denn Zeit liegt mir zu Füßen, ummantelt meine Schultern, legt sich besänftigend um meinen Körper und allmählich auch um meinen Geist.

    Ich lese von Robert – Gilbertes Ehemann, der im Gegensatz zu Charlus nicht schwerer geworden ist im Laufe der Zeit, sondern leicht und behend die Türen aufreißt. Windstoßallüren nennt Proust das, aber er wertet nicht. In der Betrachtung des Menschen, der genauen Wahrnehmung entsteht ein Bild, dass sich allen Schubladen entzieht. Robert und Charlus sind in die Jahre gekommen – in gegenläufiger Ausprägung.

    Es ist Mittag geworden. In meiner Pfanne bräunen sich  Sternanis, Kurkuma, Chili und Zimt. Ein fernöstlicher Duft durchwebt die Küche. Ich höre der französischen Zenbuddhistin Kankyo Tannier zu. Auch sie spricht über Türen, diese achtsam zu öffnen oder zu schließen – jedes einzelne Mal.

    Regen und Sonne sind im Duett. Ich fühle Leichte, Weite und Licht. Ein fast verloren gegangenes Gefühl. Ich hole ein Einweckglas um es zu konservieren. Ich höre die Stimme der Buddhistin lächeln.

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  • Am Meer

    Juni 30, 2025

    ———————

    Geppetta hatte zwei  Schiffe geschnitzt.

    Wir trugen die Nussschalen ans Meer und übergaben sie Thetis, der Göttin des Wandels.

    In mein Boot setzte ich einen hölzernen Pinguin.

    Geppetta bestückte ihr Gefährt mit einer Figur im Frack.

    „Was für Wogen!“, rief Geppetta, als sie eine Brise erwischte. Sand wirbelte auf.

    Der Pinguin klammerte sich an den Schiffsmast.

    Bald waren die Boote nur noch kleine Punkte im silberhellen Gefunkel. Sie trieben in gegensätzliche Richtungen davon.

    Geppetta schwieg, versank in ihren Gedanken.

    Dann  murmelte sie etwas von einer  Holzpuppe – Nase – Identität nicht geklärt – nicht zu klären –  Sommer’in vielleicht. 

    „Ist egal“, Geppetta, sagte ich schließlich und packte den Picknickkorb aus. Erdbeeren und Bitterschokolade, Holunderblütenbrause und Espresso. Wir sahen den Schiffchen hinterher.

    Ein warmer Tag. Sand zwischen den Fingern.

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  • Versuch über Joana

    Juni 22, 2025

    Eine Menschenmenge schob sich durch die Holstenstraße. Es roch nach Pommes und schalem Bier.

    Auf dem Platz hatte sich eine Traube gebildet.

    Joana, weiße Strähnen im Haar. Tango. Erst erschienen mir ihre Bewegungen geschmeidig, leicht behend, verspielt. Wie eine Spinne die ihre Beute einwickelt, dachte ich. Ihren Tanzpartner nahm ich kaum wahr.

    Joana lächelte ihr in sich gekehrtes Lächeln, in dem Schwermut lag oder Nichtdazugehörigkeit.

    Einmal hielt sie kurz inne. Atemlos rang sie nach Luft, hielt sich das Knie, tanzte aber weiter. Der Tango, es war Piazzolla der lief, nahm etwas raubtierhaftes an.

    Joanas Patagonia Rucksack lag im Staub – ein Stück entfernt. Tiefrot, verziert mit einer Weinrebe. Sie hatte ihn sich im Maipo Tal in Chile anfertigen lassen.

    Die Träume gehören mir, hatte sie gesagt, alle Träume gehören mir. Ihre Stimme tief, warm und rauchig. Sie wirkte verloren und dann auch wieder nicht. Wenn sie über Chile, den Anbau des Weines, die Bedingungen die es brauchte um einen wirklich guten Wein zu kreieren, sprach, dann wirkte sie gegenwärtig, in ihrem Element.

    Auf dem Gehsteig saß einer zusammengesunken auf einer alten Decke. Er streckte die Hand aus: „

    Ich hatte mir angewöhnt 50 Cent Stücke in meiner Tasche zu sammeln. Meine Nachbarin händelte es so, gab jedem Bedürftigen an dem sie vorbeikam 50 Cent. So lange der Vorrat reichte.

    Ich legte die 50 Cent in seine Plastikschale.

    Schweigend ging ich zur Bushaltestelle. Ich meinte Joanas flackernden, spöttischen Blick in meinem Rücken zu spüren. Ein Ladenfenster warf mein Bild zurück. Ich richtete mich auf, zog die Schultern nach hinten.

    Klare Nachtluft. Neonlicht auch jetzt. Kein Licht was man mögen kann. Es beleuchtet alles, auch das was du lieber nicht im Licht sehen willst.

    Der Wind wirbelte Asche aus den Ritzen des Bordsteins. Sie tanzten im Luftzug der Leere.

    ———

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  • Für Thetis

    Juni 1, 2025

    Ein Fluss inmitten einer Stadt. Nicht Rhein, nicht Neckar und auch die Saale ist es nicht gewesen.

    Ich habe Thetis ihr Haar auswringen sehen. Salziges Flusswasser.

    Sie rief nach Achill. Während sie an der Böschung stand wechselte sie ihre Gestalt. War zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig , achtzig Jahre alt.

    Thetis die silberflüssige. Die den Spuren ihres Sohnes und ihrer Töchter folgt in Sorge. Achilles. Geh nicht.

    Regen fällt. Noch immer schwer vom Duft des Flieders mischt er sich in das Concerto Grosso H Moll.

    Ich rühre Fürbitten in den Holundersirup, für Thetis an den Ufern.

    Eine Amsel singt. Ich nenne sie Beckett.

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