hr2-Frühkritik: Eine Malerin entdeckt den Surrealismus | „Leonora im Morgenlicht“ – Film von Thorsten Klein und Lena Vurma – Audio | hr2.de | Podcasts https://share.google/p6hwYBn5SlcnijG1y
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Zahnlos stand sie am Tresen des alten Kinos. Ich hätte sie überall wiedererkannt. Sie trank Portwein, den sie eingeschmuggelt hatte und war mit dem Barkeeper in ein Gespräch vertieft.

Sie redete laut. Wenn der Barkeeper antwortete, legte sie manchmal ihr Hörrohr aus Büffelhorn ans Ohr. Sie hört nicht gut. Hörgeräte und Zahnprothesen lehnt sie ab.
“ Guten Abend“, Marian Leatherby.“
Die Hyäne zu ihren Füßen irritierte mich.
“ Gehört Leonora“, sagte sie und dachte in sich versunken nach.
“ Wir haben mal Portwein aus Wärmflaschen getrunken oder?“
„Ja“, sagte ich. „Du hattest mir von diesem dubiosen Altersheim: Bruderschaft zur Quelle des Lichts“ erzählt- der Revolution, und der Eiszeit die anbrach.“
“ Turbulente Zeiten“, murmelte sie.
Und setzte hinzu:
“ Eiszeitalter vergehen, und obwohl die Welt zur Zeit überfroren wird, glauben wir, daß der Tag kommen wird an dem wieder Gras und Blumen wachsen. „
„Das sagtest du damals schon.“
Marian nahm die Hyäne, ihr Hörrohr, den Portwein. “ Ich kann dir was abnehmen Marian.“
Sie wehrte ab.
“ Leonora im Morgenlicht“ murmelte sie. Ihr Tonfall ließ sich nicht deuten.
Die Lichter im Kinosaal dimmten. Der Portwein mäanderte durch meine Adern, als hätte ich ihn selbst getrunken.
Das Fell der Hyäne roch nach alten Gummistiefeln.
Ihr Geruch vermischte sich mit dem Duft von Popcorn.
Jemand überlegte laut, ob er seinen Norwegerpullover ausziehen solle. Marian nestelte an ihrer Katzenhaarweste. (Sie hatte über Jahre ihrer Katze das Fell gebürstet und die Haare sorgsam aufbewahrt.)
Ich versuchte mich auf die Leinwand zu konzentrieren, um den Sog zu entkommen.
Eine junge Frau. Wild. Eigenwillig. Frei.
( Text bezieht sich auf: Das Hörrohr“ von Leonora Carrington und den Film
„Leonora im Morgenlicht“
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Wenn du deinem siebzehnjährigen Ich in Guben einen Rat geben könntest:
“ Ach na ja, man wird ja im Alter konservativer.
Vielleicht würde ich sagen: Bloß nicht Kandidat der SED werden, wenn du dir nicht sicher bist.
Wenn du nicht mit einem Fuß reingehst, also Kandidatenschulung für ein Jahr, musst du auch später keine Begründung schreiben, warum du doch nicht Mitglied werden willst. So was konnte dir wirklich Steine in den Weg legen.
Freie Wahl des eigenen Berufsweges war nicht so in der Form möglich, wie man es heute kennt. Und dann sitzt du da mit siebzehneinhalb und weißt nicht, was du machen sollst.
Die Ideale mit denen die DDR gegründet worden war- waren nachvollziehbar, ein Gegenentwurf der scheitern musste, weil er mit Überwachung und Zwang einherging.
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Guben -3- 1988 – Herbst/ Winter
Aus dem Lehrlingswohnheim bist du ausgezogen. Nicht weil du wolltest, sondern weil du musstest. Du bist kein Lehrling mehr.
Du wirst einer Wohngemeinschaft zugeteilt. Das Werk hat Wohnungen für ehemalige Lehrlinge ( jetzt Facharbeitet) angemietet.
Du fühlst Leere. Alle Freunde sind weg.
J. bei der NVA.
Keine Jugendstunden, auch Joe Cocker und Bruce Springsteen sind gewesen.
In der Abteilung der du zugeteilt wurdest bist du die Jüngste.
Alle anderen sind dreißig bis vierzig Jahre älter als du. Keine gemeinsamen Themen.
Du weißt nicht mehr, wann du einen Brief schriebst. Vater ich brauche eine Wohnmöglichkeit.
„Natürlich“ schreibt er, “ das bekommen wir hin.“ Und: “ Du hättest eintreten sollen, dann wäre alles anders verlaufen.“
Du hast etwas gespart. Du kündigt deine Stelle.
Arbeitslosengeld wirst du nicht bekommen. Es gibt keine Arbeitslosigkeit.
Du packst deinen Rucksack. Du kehrst zurück in die Plattenbaustadt. Du bist 18 Jahre alt.
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Guben 1986/88
Die Wohnung von D. durchzieht ein Hauch Anis.
Es kommt an das Fleisch zusammen mit Sojasoße und anderen Geheimzutaten, die direkt aus China mitgebracht wurden.
Ich will auch mal dahin, sagst du am Mittagstisch. Und A. fragt, „ach warum, das kann man doch alles im Fernsehen sehen.“
Du sagst, du willst das echte Leben, das reale und du isst dieses Mittagessen dass fremd und verlockend zugleich schmeckt. A. hat dein Lieblingsrezept gekocht.
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Im Wäldchen hinterm Werk sammelt sich die Chemieseide, das wird gemunkelt und du weißt nicht ob das stimmt. Das Leben war eben noch voller Möglichkeiten, aber der Zweifel hat sich eingenistet.
Die Parolen in der Kandidatenschulung ermüden dich, die Übererfüllung des Plans im Werk, das Gemunkel das ein Großteil der Spulen mit Chemiefasern auf dem Abfall landet. Die Natur vermüllt wird mit Fasern die nicht abbaubar sind.
Du suchst.
In den Jugendstunden der Kirche hörst du etwas über Jesus.
B. hat dich gefragt, ob du mitkommen möchtest, als sie spürte wie dein Zweifel wuchs. Sie hatte einen Heiden Ärger bekommen wegen der Bibel im Regal.
“ Bist du verrückt?“, flüstert sie dir zu. “ Du kannst doch in das Ausgangsbuch nicht Kirche reinschreiben.“
Du verstehst nicht, warum man in Orgelkonzerte darf, in Jugendstunden aber nicht. Es geht nur um Spuren im Sand. Um getragen werden.
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Du wirst dich erinnern an chinesische Gerichte, an ein Gefühl von zu Hause sein, wenn du dort bei A. am Mittagstisch sitzt.
Du wirst dich erinnern an die junge vietnamesische Gastarbeiterin, die euch zum Essen einlädt. Ihr werdet ermahnt. Gemeinsames Essen mit Gastarbeiterinnen ist nicht erlaubt.
J. wird eingezogen. Du bist bei der Vereidigung dabei. Das Fremdheitsgefühl zu diesem Land verstärkt sich. Überall Parolen, Phrasen.
Mit dem Chor singt ihr auf einer Parteiveranstaltung : Mein Herz muss barfuß gehen.
Was für ein Kitsch, denkst du und verlässt den Chor.
Du hast angefangen zu rauchen. Das geht auf die Lunge. Du hörst mit dem Training auf.
Am Ende von Guben sind alle weg, nur du bist noch da. Arbeitest in dieser kleinen Abteilung, abgeschnitten vom internationalen Flair der anderen Abteilungen. “ Wieder ein Tag geschafft“, sagt deine Kollegin als sie nach Hause geht.
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Du könntest deinem 17 Jährigen Ich die“ Suche nach der verlorenen Zeit“ in die Hände legen und einen Brief dazu schreiben ( sagt K.)
Guben 1987
Liebe X. schreibe ich: die Brücke nach Gubin in Polen wird in zwei Jahren passierbar sein.
Dann bist du schon nicht mehr in dieser kleinen Stadt.
Das Werk in dem du Früh und Spätschichten arbeitest, wird schließen. Genieße die Zeiten des Materialausfalls, in denen du lesen kannst. Diese Zeiten werden nicht wiederkommen.
Ein seltsamer Einbalsamierer wird in diesem Textilwerk einen Standort aufmachen.
Merke dir wie dein Lehrlingswohnheim aussah, ob es Ein oder Zweibettzimmer sind.
Pass auf dein Bein auf, wenn du auf den Sozius der MZ steigst. Ich weiß, du wirst dir eine Brandwunde holen die es in sich hat. Die Narbe ist verblasst, aber noch vierzig Jahre später sichtbar.
Mache Fotos. Von allem. Von der Wohnung, in der du zeitweise lebst, von der Küche, von den Möbeln.
Das alles wird untergehen. Du musst es bewahren.
Es ist ein Land, welches es bald nicht mehr gibt. Eine lange Reise liegt vor dir.
Schreibe die Jugendstunden in der Kirche auf und das erste Joe Cocker Konzert. Schreibe die Kandidatenschulungen für die SED auf. Ich weiß, das wird deine erste heftige Desillusion. Du wirst nicht eintreten. Wirst den Ärger trotzig in Kauf nehmen. Du wirst Sätze hören wie:
“ Schreiben Sie eine Begründung für ihren Nichteintritt.“
Oder:
“ Eine Hand wäscht die andere. Und wenn die eine nicht wäscht, wäscht die andere auch nicht.“
Mit 18 Jahren hast du den Berufsabschluss in der Tasche. Sie stecken dich als Facharbeiterin in eine kleine Abteilung. Du wirst das Gefühl haben zu ersticken.
Sie delegieren dich nicht, trotz sehr guter Noten.
Halte alles fest. Erinnere dich genau. Halte nichts für unbedeutend.
Du wirst ein halbes Jahr arbeiten und wissen, dass das hier eine Sackgasse ist.
Du kehrst in die Plattenbaustadt zurück. Arbeitest ungelernt im sozialen Bereich.
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Paris 1916
„…da der Mangel an Kohle und Licht die Empfänge der Verdurins in der sehr feuchten
früheren Behausung der venezianischen Gesandten erschwerte“, verlegt man den Schauplatz des verdurinschen Salons in ein großes Pariser Hotel. Der Salon floriert. Jeden Mittwoch
oder fast jeden Tag, werden auf vor weiß blitzenden Wänden die – „interessantesten, verschiedenartigsten Männer und elegantesten Frauen projiziert.“
Der Wandel der Gesellschaft im Salon: Einfachheit anstelle von Ästhetizismus, Kriegsgarderobe statt Luxus.
Es darf dazugehòren, wer zuvor undenkbar gewesen wäre ( – Hauptsache man hofiert Madame Verdurin -).
Man kommt zusammen um Kriegsnachrichten zu kommentieren, Morel, der desertiert ist, zuzuhören.
Marcel trifft auf Andree,
eine ehemalige Freundin Albertines.
Ich denke nicht mehr an Albertine, versichert er.
Oder nur in der Art, wie man an ein Gleis denkt, das in ein Brachgelände führt.
Spione im Salon.
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Zu Besuch bei Lara ( – Geburtstagsfeier): anders als früher wird auch hier Politik kommentiert.
Das Lobbyisten – Kabinett von Merz, mit dem Kulturminister – von dem nichts Gutes zu erwarten ist, ist Thema.
(,“Das Nationale stärken“ – lässt vermuten, dass ein Verlag wie Antaios demnächst mit öffentlichen Geldern gefördert wird.)
Die Anreize zum Dienst bei der Bundeswehr werden ebenso diskutiert, wie der Ausspruch des Bundeskanzlers: „Fliegen solle wieder erschwinglich werden.“
“ Sag mal“, fragt Lara, “ hast du diesen Satz von Merz gehört, dem mit dem anderen Selbstbewusstsein als Mann?“
Ich hatte gerade das Hemd meines Nachbarn gebügelt, als ich das im Radio hörte. Das Hemd hat leider ein Brandloch jetzt.
Respekt hin oder her ( frauengegenmerz -insta)
Und was sagst du zu diesem Skandal mit der Richterin Brosius – Gersdorf? Sina schneidet Erdbeeren für einen Salat in hauchdünne Scheiben.
Ich lese gerade ein Buch, da kommt dieser Typ drin vor, der als Spion verunglimpft wurde. Pro Dreyfus und contra Dreyfus wurde zum Kriterium, ob du bei bei einer Geburtstagsfeier auf der Gästeliste standest oder nicht.
Im Wohnzimmer wird Lina laut, ich verstehe dass es um Gaza geht. Rania sagt, sie verstünde nicht warum keine Blauhelme reingeschickt würden in dieses Freiluftgefängnis.
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Es ist Sonntag. Ich höre einen Podcast der Zeit: “ Irma. Das Kind aus Srebrenica.“
“ Werden uns Blauhelme beschützen können?“, fragt die bosnische Ärztin einen UN Soldaten. Die Serben sind bereits in der Stadt. “ Not sure“, antwortet der Holländer.
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Graugänse ziehen in Scharen morgens und abends vom See über das Dach des Hauses, in dem ich wohne. Warum sie bei Einbruch der Dunkelheit vom See wegfliegen erschließt sich mir nicht.
Vielleicht fliegen sie von einem Uferrand zum anderen, so wie ich kleine rote Stühle von einem Rand zum anderen trage.
Ich nehme mir vor ab jetzt jeden Tage eine positive und eine lustige Sequenz zu notieren.
Es ist Sonntag, und Deutschlands Urlauber trotzen dem Regen mit einem Lächeln – in Sylt und an anderen Stränden Deutschlands.
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Ich lese j‘ accuse von Zola. Ich lese es um einen Fuß in die Dreyfusaffäre und damit in die Recherche von Proust zu bekommen.
J’accuse https://g.co/kgs/R1MP4xa
Wahrheit und Fakten gegen Vorverurteilung und Verzerrungen.
Ich frage mich wie Zola heute J‘ accuse geschrieben hätte.
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In Gaza verschwinden Kinder unter Trümmern, werden erschossen während sie nach Essen anstehen, verhungern weil die Hilfstransporte nicht durchgelassen werden und werden zynisch als Kollateralschäden bezeichnet.
Systeme setzen menschliches Leben auf ihren Schachbrettern ein. Merz versteckt sich hinter einer feigen und langsamen Diplomatie.
Kriege werden in Echtzeit medial übertragen.
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Ein ausgehöhlter Apfel am Wegrand. Linden und Eicheln werfen unreife Früchte ab. Bedeckter Himmel. Hummeln in Disteln.
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Paris 1916. Die Stadt ist überzogen von Damen in Turbanen. Es fehlt überall an Material, auch für Hüte.
Man trägt Schmuck aus Granatsplittern und vermeidet Prunk in der Garderobe.
Neue Einfachheit. Ein Hauch Hell in der Kleidung soll die Trauer über die Gefallenen überdecken.
Das gesellschaftliche Kaleidoskop wirbelt alles durcheinander.
Jemand erzählt von Madame Tallien, einer jungen, gebildeten, schönen Frau mit Liebe zur Revolution.
Ehemalige Revolutionäre werden zu Revisionisten.
Ehemalige Dreyfusanhänger sind plötzlich salonfähig, Gegner der Verlängerung der Wehrpflicht – dafür nicht.
Was gestern noch als skandalös galt, ist heute eingemeindet. Turbulenzen werden integriert.
Auch Gilberte und Odette sind nun salonfähig.
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Juli 2025
In Windeseile dreht die Regierung am Rad der Uhr und stellt die Zeit zurück. In dunklen Nächten sehe ich Hirten die Herde auf veilchenblaue Weiden treiben.
Bei Ikea: Luise und ich kommen mit einem Ehepaar ins Gespräch. Sie erzählen vom Alligator Alcatraz.
Auf dem Rückweg sehe ich eine Stockrose am Wegrand. Mauersegler nisten unter unserem Dach. Über der Stadt lastet schwere, feuchte Luft.
Als wäre alles wie immer.
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Über den Instagram Account von Faruk Šehić finde ich diesen Blog über das Schreiben.
Es ist Sonntagmorgen der Schiffs kaffee duftet nach Kardamon, Mauersegler sirren am blassblauen Himmel unter weißen Schäfchen wolken. Die Wärme des vermutlich schwülwarmen Sommertages dringt durch die Balkontür und erwärmt den Dielenboden. Ich lese Proust, lerne Courbet kennen und die Commune generale de arts. „Ich male keine Engel, denn ich habe noch keinen gesehen.“ Courbets malt das was damals kaum einer malt. Für das Volk das Volk.
Ich begegne dem Pfarrer von Tours aus einer Erzählung von Balzac.
Ich habe die Erzählung noch nicht gelesen, aber eine Zusammenfassung der Geschichte fand ich so berührend, dass ich überlege wo es auszuleihen wäre. Ein Pfarrer verstrickt sich in einem ausgeworfenen Netz aus Intrigen und subtiler Manipulation (Gaslighting wäre der moderne Begriff) und verliert am Ende alles. Aber jetzt ist es Zeit die wiedergefundene Zeit zu verlassen und in diesem warmen Sommertag aufzubrechen.